Was ist Sterbehilfe?

Die Sterbehilfe in Deutschland sollte reformiert werden. Im Oktober 2014 wurden vier Konzepte vorgestellt, über die der Bundestag im Juli 2015 beraten hat. Die endgültige Abstimmung im Bundestag hat am 6. November 2015 ohne Fraktionszwang stattgefunden:

Geschäftsmäßige Sterbehilfe ist in Deutschland künftig verboten. Aber auch Vereine oder Einzel-Personen dürfen künftig keine Beihilfe zum Suizid anbieten, egal ob sie kommerzielle Zwecke verfolgen oder nicht.
Es drohen bis zu drei Jahre Haft, wenn einem Sterbewilligen, etwa einem unheilbar Krebs-Kranken, ein tödliches Medikament gegeben wird.

Das Thema Sterbehilfe ist rechtlich und ethisch umstritten. Doch was ist Sterbehilfe eigentlich genau? Welche Arten von Sterbehilfe gibt es und wie sind die Regelungen in anderen Ländern? Das alles erfahrt ihr hier.


Formen der Sterbehilfe

Menschen, die unheilbar krank sind und an starken Schmerzen leiden, haben häufig den Wunsch, diesem Leiden zu entkommen. Sie wollen selbstbestimmt, schmerzfrei und in Würde sterben. Ärzte und Angehörige können dem Sterbenden diesen Wunsch allerdings nur bedingt erfüllen, denn es gibt in Deutschland rechtliche Grenzen.

Die sogenannte aktive Sterbehilfe bedeutet, dass ein Mensch auf Verlangen mit einer tödlichen Dosis eines Medikaments gezielt getötet wird. Das ist in Deutschland verboten und kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

Eine Sonderform der aktiven Sterbehilfe ist der ärztlich assistierte Suizid. Dabei stellt der Arzt zwar das tödliche Mittel zur Verfügung, führt die Einnahme aber nicht selbst aktiv durch. Diese Form ist in Deutschland zwar nicht verboten, jedoch kann dabei gegen das Arzeineimittelgesetz verstoßen werden. Ist jemand bei der Durchführung anwesend, kann sich dieser wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen.

Bei der indirekten Sterbehilfe verabreicht der Arzt ein schmerzlinderndes Mittel, das wissentlich die Lebenszeit verkürzt. Dabei ist diese lebensverkürzende Nebenwirkung nicht vorsätzlich, sondern wird vom Arzt billigend in Kauf genommen. Diese Art ist rechtlich zulässig.

Eine weitere Form ist die passive Sterbehilfe. Dabei wird auf lebensverlängernde Maßnahmen wie etwa künstliche Beatmung oder Zwangsernährung verzichtet. Das kann durch Unterlassen, Einschränken oder Beenden erfolgen. Rechtlich ist das zulässig, solange der Patient diesen Maßnahmen vorher ausdrücklich z. B. durch eine Patientenverfügung zugestimmt hat. Ist keine Zustimmung vorhanden, kann das als Totschlag gelten.


Regelungen in anderen Ländern

In den meisten europäischen Ländern ist die aktive Sterbehilfe genauso wie in Deutschland verboten. Ausnahmen bilden nur die Schweiz, die Niederlande, Belgien und Luxemburg.

In der Schweiz wird "ärztliche Beihilfe zum Selbstmord" toleriert, ist aber wie die indirekte und passive Sterbehilfe nicht gesetzlich geregelt. Es gibt dort Sterbehilfeorganisationen wie Dignitas oder Exit, die Menschen in den Tod begleiten. Hilfe bekommen allerdings nur Menschen, die bestimmte Kriterien erfüllen. Sie müssen eine tödliche Krankheit mit unerträglichen Schmerzen haben, geistig bei vollem Bewusstsein und volljährig sein. Da sie den Selbstmord selbst durchführen, müssen sie körperlich auch dazu in der Lage sein. Aktive Sterbehilfe ist auch in der Schweiz verboten.

Die Niederlande waren das erste Land, das 2002 die aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen legalisiert hat. Die aktive Sterbehilfe ist hier allerdings auch an festgelegte Sorgfaltskriterien geknüpft und jeder Fall muss gemeldet und von einer Kontrollkommission geprüft werden. Aktive Sterbehilfe oder Hilfe zur Selbsttötung kann ein Patient verlangen, der in einem Zustand unerträglichen Leidens ohne Aussicht auf Besserung ist. Der Arzt muss dann einen zweiten, unabhängigen Arzt zu Rate ziehen und der Patient muss mehrmals seinen Willen bei vollem Bewusstsein äußern. Auch Patientenverfügungen werden anerkannt.

Auch in Belgien ist aktive Sterbehilfe zulässig. Dabei gelten ähnliche Regeln wie in den Niederlanden. Der Patient muss jedoch nicht im Endstadium einer Krankheit sein. Das Recht auf Schmerzbehandlung und Palliativmedizin ist, anders als in den Niederlanden, im Gesetz verankert.

In Luxemburg gelten ähnliche Regeln wie in Belgien und den Niederlanden. Hier ist aktive Sterbehilfe seit 2009 erlaubt.


Die Sicht der Kirche

Die Religionen sind sich zum Thema Sterbehilfe ziemlich einig. Sowohl das Christentum, der Buddhismus, der Islam und das Judentum sehen die aktive Sterbehilfe als Mord.
Das Christentum sagt eindeutig, solche Entscheidungen bleiben Gott vorbehalten.
Im Islam ist es generell verboten, sich selbst oder einen anderen zu töten.
Passive Sterbehilfe, also z.B. das Abschalten von Beatmungsgeräten, ist aber z. B. im Judentum erlaubt. Ebenso wie Medikamente, deren Gabe langfristig den Tod herbeiführen.


Urteil des Europäischen Gerichtshofs:

Mitte Juli 2012 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein wegweisendes Urteil gesprochen. Ein Frau aus Braunschweig verunglückte 2002 schwer und war seitdem querschnittgelähmt und auf künstliche Beatmung angewiesen. Zwei Jahre später stelle sie einen Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel, ein tödliches Medikament zu kaufen. Der Antrag wurde abgelehnt.
Daraufhin reiste sie mit ihrem Mann in die Schweiz, wo Sterbehilfe erlaubt ist, und nahm sich mit Hilfe des Vereins Dignitas das Leben. Ihr Mann zog durch alle deutschen Instanzen und schließlich vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, denn er sieht das Recht seiner Frau auf menschenwürdiges Sterben und sein eigenes Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens verletzt.
Das Gericht verurteilte den deutschen Staat, dem Mann 30.000 Euro Schmerzensgeld zahlen und die Prozesskosten tragen. Zudem wurden die deutschen Gerichte dazu verurteilt, sein Anliegen und seine Rechte erneut zu prüfen. An den generellen Sterbehilfe-Regelungen in Deutschland änderte das allerdings bisher nichts.