Mehr als nur Farbe: Warum wir den Lippenstift einfach lieben
Wusstet ihr, dass wir im Jahr so viel Lippenstift verschlucken wie ein gehäufter Esslöffel Schokocreme? Oder warum Winston Churchill den Lippenstift in Krisenzeiten zur Chefsache machte? Wir haben hier viele verblüffenden Fakten für euch zusammengefasst.
Kurioses
- Der Wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit der EU-Kommission rechnet bei täglicher Nutzung mit einem durchschnittlichen "Verzehr" von etwa 57 Milligramm Lippenstift pro Tag. Das entspricht dem Gewicht von zwei Körnern ungekochtem Reis und 20 bis 24 Gramm pro Jahr (so viel wie 1 gehäufter Esslöffel Schokocreme).
- In Zeiten wirtschaftlicher Krisen steigt der Absatz von Lippenstiften oft spürbar an („Lipstick Effect“). Konsumenten belohnen sich bei knappem Geldbeutel lieber mit kleinen Luxusgütern.
- Studien zeigen, dass an grauen, regnerischen Tagen mehr Lippenstifte gekauft werden als bei strahlendem Sonnenschein.
- Statistisch gesehen geht weltumspannend alle 2 bis 3 Sekunden ein Lippenstift über den Ladentisch.
- Studien ergaben, dass Männer den Blick bei einer Erstbegegnung deutlich länger auf die Lippen einer Frau richten, wenn diese roten Lippenstift trägt.
- Der teuerste Lippenstift der Welt („H. Couture Beauty Diamond Lipstick“) schlug mit rund 14 Millionen US-Dollar zu Buche. Grund war die mit fast 1.200 Diamanten besetzte Hülse aus 18-karätigem Gold.
- Eine Farbe funktioniert überall als Universal-Bestseller für den Abend: ein neutrales, kühles Rot. Kühles Rot lässt durch blaue Pigmentanteile die Zähne optisch weißer wirken und verkauft sich weltweit am besten.
Ein bisschen Geschichte
- Bereits vor über 5.000 Jahren wurden Pasten aus zerriebenen Halbedelsteinen benutzt, um Lippen einzufärben.
- Kleopatra nutzte für ihr charakteristisches Rot eine Mischung aus zerquetschten Kochenille-Käfern, Ameiseneiern und Bienenwachs. Um den Lippen einen perlmuttartigen Glanz zu verleihen, wurden gemahlene Fischschuppen beigemischt.
- Im Römischen Reich und im alten Ägypten trugen Männer und Frauen Lippenfarbe, vor allem als Zeichen von Macht, Wohlstand und sozialem Rang.
- Im antiken Griechenland war Lippenstift sehr verpönt. Er war fast ausschließlich Prostituierten vorbehalten, die gesetzlich sogar dazu verpflichtet waren, eine dunkle Lippenfarbe zu tragen.
- Auch im europäischen Mittelalter verurteilte die Kirche das Färben der Lippen als verrucht. Schminke galt als Versuch, Männer durch „Hexerei“ zu täuschen.
- Im 16. Jahrhundert machte die englische Königin Elisabeth I leuchtend rote Lippen zu blasser Haut wieder salonfähig. Sie glaubte sogar, die Lippenfarbe besitze magische Schutzkräfte gegen Krankheiten. Das Rot zu Elisabeths Zeiten basierte allerdings häufig auf Bleiweiß und Zinnober, was bei täglicher Nutzung zu schleichenden Vergiftungen führte.
- Im 19. Jahrhundert erklärte Königin Victoria Make-up für unhöfisch und vulgär, weshalb Lippenstift im viktorianischen Zeitalter wieder verschwand.
- Während der Französischen Revolution galt Lippenstift als Merkmal der gehassten Aristokratie.
- Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt schockierte Ende des 19. Jahrhunderts die Pariser Gesellschaft, indem sie sich Lippenstift in der Öffentlichkeit auffrischte.
- 1912 marschierten die Suffragetten in New York für das Frauenwahlrecht und trugen dabei demonstrativ leuchtend roten Lippenstift als Zeichen weiblicher Stärke und Unabhängigkeit.
- Während des Zweiten Weltkriegs ließ der britische Premierminister Churchill die Lippenstiftproduktion bewusst aufrechterhalten, da er überzeugt war, dass Rot auf den Lippen die Moral der Bevölkerung stärkt.
- Für Frauen im US-Militärdienst war roter Lippenstift im Zweiten Weltkrieg teils vorgeschrieben. Kosmetikmarken brachten Töne wie „Victory Red“ auf den Markt.
- Für die Krönung von Queen Elizabeth II. im Jahr 1953 wurde ein maßgeschneiderter Lippenstift namens „The Balmoral Lipstick“ entwickelt, der farblich exakt auf ihre Krönungsrobe abgestimmt war.
Inhaltsstoffe
- Der klassische rote Farbstoff Karmin (auf Verpackungen oft als CI 75470 oder E 120 deklariert) wird aus getrockneten Cochenilleschildläusen gewonnen. Für ein Pfund Farbstoff benötigt man etwa 70.000 Insekten.
- Lanolin (Wollwachs), das aus der Schafwolle gewonnen wird, dient in vielen Rezepturen als pflegender Fettstoff.
- Damit der Stift nicht schmilzt, sorgen feste Pflanzensekrete wie Carnaubawachs oder Bienenwachs für die richtige Textur. Ein guter Lippenstift schmilzt idealerweise erst bei Temperaturen ab ca. 55 °C.
- Die Basis moderner Stifte besteht zu großen Teilen aus Rizinusöl, Kakaobutter oder Jojobaöl.
Erfindungen und Entwicklungen
- Das französische Kosmetikhaus Guerlain erfand 1870 den ersten kommerziellen Lippenstift mit Wachs.
- Der erste Lippenstift in Stiftform wurde 1883 auf der Weltausstellung in Amsterdam präsentiert. Er war in Seidenpapier gewickelt und erhielt den Spitznamen „Saucisse“ (Würstchen).
- 1910 brachte Guerlain den ersten Lippenstift in einer Metallhülse auf den Markt, 1915 folgte in den USA die erste Hülse mit Schiebemechanismus.
- Der klassische Drehlippenstift wie wir ihn heute kennen, wurde erst 1923 patentiert.
- 1928 wurde in Frankreich der Lippenstift „Rouge Baiser“ verkauft, der dank des Farbstoffs Eosin als extrem langhaftend und kussecht galt.
- Helena Rubinstein brachte auch 1928 den ersten Lippenstift mit integriertem Sonnenschutz heraus.
- Die Chemikerin Hazel Bishop entwickelte um 1950 den ersten wischfesten Lippenstift auf Lanolin-Basis.
- In den 1960er Jahren waren knallige Farben kurzzeitig out, weißer oder blassrosa Lippenstift wurde zum Trend.